Der gesamte Podcast ist hier nachzuhören. Den aktuellen Themen rund um die Digitalisierung in der Finanzindustrie widmet sich zudem auch die FinTech-Konferenz 2022, die vom IFZ organisiert wird.

Auszüge aus dem Gespräch*:

Thomas Ankenbrand: Pascal, als ehemaliger Google-Manager kennst Du die Big-Techs gut, vor allem deren hochskalierbares Geschäft, aber auch andere Aspekte. Wie empfindest Du die Unterschiede zwischen einem Big-Tech und einer Schweizer Bank?

Pascal Keller: Da gibt es Gemeinsamkeiten, Berührungspunkte und klare Unterschiede. Mit den Big-Techs können sich von den Dimensionen her nicht einmal mehr die Schweizer Grossbanken messen. Deshalb glauben wir, dass gerade in der Schweiz ein Technologiepartner die Augenhöhe mit den Schweizer Banken pflegen und leben muss, und das versuchen wir zu tun, indem wir uns etwas als «Übersetzer» sehen zwischen den «grossen» Technologien und den Schweizer Verhältnissen, auch kulturell. Ursprünglich waren die Banken ja eigentlich die «Platzhirsche», wenn es um IT ging. Noch vor wenigen Jahren waren die Grossbanken auf dem Platz Zürich die grössten IT-Arbeitgeber!

Die Big-Techs und die Banken haben Einiges gemeinsam: Die Informatik wuchs ursprünglich sehr stark mit den Banken und dem Bankenbusiness und ich glaube, dass die Banken auch heute noch die Power und die Use Cases haben, um an vorderster Front mit dabei zu sein. Natürlich haben sie in der Zwischenzeit sehr viel Legacy aufgebaut, Alt-Systeme, von denen vieles im Kerngeschäft abhängt und die wichtig sind für die Stabilität. Nicht zu vergessen: Wir bewegen uns hier in einem stark regulierten Umfeld, in dem das Kundenvertrauen viel wichtiger ist als im eher kurzlebigeren Consumer-Cloud-Bereich. Daher können die Banken nicht ganz mit der gleichen Agilität und Geschwindigkeit im Experimentieren unterwegs sein, wie die Big-Techs das vormachen. Dort können wir als Inventx ansetzen, weil wir die Brücke bauen. Wir können beispielsweise die Kernsysteme, die das Rückgrat der Bank-IT bilden, entkoppeln von modernen Software-as-a-Service-Lösungen an der Kundenschnittstelle, wo sich die Bedürfnisse sehr schnell entwickeln. Wir liefern quasi den Big-Tech-Teil – insbesondere die Vorteile der Cloud, deren Flexibilität und Skalierbarkeit – und können ihn auf Schweizerische, den Anforderungen der Banken entsprechende, Art anbieten.

Durch diese Entkoppelung des Kernsystems von den Frontend-Lösungen, die wir rasch «hinzubauen» können – sei das gehostet im Hintergrund in einer Public Cloud oder in unserer eigenen ix.Cloud, die exklusiv und FINMA-konform in der Schweiz betrieben wird –, können die Banken sich das Beste «herauspflücken» und mit unserer Unterstützung Technologien auf smarte Weise kombinieren. So haben sie in den Kernprozessen die Stabilität und Beständigkeit, die sie brauchen, und am Frontend die Agilität und Schnelligkeit, womit sie mit der Innovationskraft von Big-Tech mithalten können.

Thomas Ankenbrand: Du hast starkes Gewicht auf die technischen Aspekte gelegt. Wie sieht das kulturell aus? Und welche Unterschiede machst Du zwischen einer Inventx und Google aus?

Pascal Keller: Uns verbindet mehr, als auf den ersten Blick vielleicht scheint. Daher fiel mir der Wechsel auch alles andere als schwer. Auch Inventx ist wie Google ein Vorreiter im Cloud-Business. Inventx hat schon vor vielen Jahren eine Schweizer Cloud, speziell auf die Anforderungen der Finanzindustrie zugeschnitten, gebaut und sich dabei technologisch an Vorlagen aus der Public Cloud orientiert und diese auf die lokalen Bedürfnisse umgemünzt. Zudem verbindet uns, dass beide Unternehmen erfolgreiche Gründerstories mit einem Gründer-Duo dahinter sind, das mit kreativen Ideen, aber auch mit Risikobereitschaft und persönlichem Engagement die jeweilige Firma geprägt hat. In meiner Zeit bei Google waren die beiden Gründer jede Woche sehr präsent und haben sich den Fragen der Mitarbeitenden gestellt. Bei Inventx pflegen wir das ähnlich.

Gregor und Hans halten uns den Rücken frei in ihren neuen strategischen Funktionen als Verwaltungsrats- und Vizepräsident und geben der Firma die Kraft und Unabhängigkeit, um an Innovationen zu arbeiten, so dass man – ähnlich wie bei Google – nicht Quartalszahlen-getrieben zum «Spielball» von Grossaktionären wird, sondern im Interesse der Kunden und Endbenutzer Neues schaffen kann.

Thomas Ankenbrand: Was kann die Finanzindustrie von den Big-Techs lernen? Gerade wie sie vielleicht mit der Legacy umgehen oder wie sie den innovativen Spirit leben können?

Pascal Keller: Ich habe viel über die Kundenbedürfnisse, das Denken aus Sicht des Endbenutzers gesprochen. Die eine oder andere Bank kann diesbezüglich von den Big-Techs lernen, die sehr schnell iterieren und vor allem in ihren Consumer-Diensten ausprobieren, was funktioniert und was nicht. Manche Bank denkt noch zu sehr aus der Innensicht heraus und ist in den eigenen Prozessen verhaftet. Mit Customer-Fokus agil auf den Wandel zu reagieren und technisch rasch Innovation umzusetzen, während man auf ein stabiles, hochperfomantes und skalierbares Infrastruktur-Fundament vertrauen kann, bedingt einen Digital Mindset, den die Big-Techs vorleben und den man noch etwas mehr entwickeln kann bei den Banken.

Ähnlich wie die Big-Techs haben die Banken sehr viele Daten ihrer Kunden, die sie zu deren Nutzen und für eine aktivere Beratung durchaus noch besser bearbeiten könnten. In diesen Daten steckt riesiges Potenzial. Wenn man z. B. Machine-Learning-Algorithmen und Künstliche Intelligenz einsetzt, könnten nur schon in den Call-Center-Interaktionen Trends oder Befindlichkeiten herausgespürt werden. Oder wenn etwa der Schriftverkehr mit Text Mining analysiert wird, kann aus dem eingehenden Feedback sehr viel Wissen gezogen werden, so dass auf dieser Basis den Kunden proaktiv neue Geschäftsmöglichkeiten vorgeschlagen werden können.

Thomas Ankenbrand: Wenn die Banken diese Gedanken umsetzen, werden sie dann in 10 Jahren fast wie ein IT-Unternehmen daherkommen?

Pascal Keller: Die Interaktionen werden sich sicher sehr stark über digitale Kanäle abspielen und sich dahin verlagern. Nichtsdestotrotz wird auch in zehn Jahren die wichtigste Währung im Verhältnis zwischen Bank und Kunde das persönliche Vertrauen sein – vielleicht sogar noch mehr als heute, weil es nicht mehr nur am einzelnen persönlichen Kundenberater, sondern am Spirit und der Vertrauenswürdigkeit der gesamten Organisation und ihrer Kultur hängen wird.

* Transkript, Kürzen und Redaktion von Roman Dinkel

Über den IFZ Digital Banking Podcast

Das Institut für Finanzdienstleistungen Zug IFZ der Hochschule Luzern ist das grösste FH-Institut für Finanzausbildungen in der Schweiz. Jede Woche informieren sich mehr als 5000 Banker aus der Schweiz und dem deutschsprachigen Ausland auf dem Retail Banking Blog, auf dem Institutsleiter Prof. Dr. Andreas Dietrich die neuesten Banking-Trends, Fintech-Produkte und interessante Gesprächspartner präsentiert. Zusammen mit seinen Kollegen, dem Fintech-Experten Prof. Dr. Thomas Ankenbrand und dem Kundenmanagement-Spezialisten Prof. Dr. Nils Hafner, vertieft Dietrich diese Gespräche nun in einer Hintergrund-Podcast-Reihe.

 

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