Urs: Was mich in meiner Rolle natürlich besonders interessiert: Was beschäftigt die Banken gerade wirklich? Wollen sie ihr Kernsystem loswerden oder geht es ihnen darum, ihre IT flexibler weiterentwickeln zu können?
André: Ich glaube, oft geht es um Letzteres. Banken wollen innovativer und schneller werden, ohne dafür gleich ihr bewährtes Kernsystem infrage zu stellen. Sie müssen herausfinden, wo der bestehende Anbieter ihre Pläne unterstützt und wo sie zusätzliche Freiräume brauchen.
Urs: André, ist das jetzt die grosse Versöhnung mit dem Kernbankensystem? Vor vier Jahren wollte gefühlt noch jede zweite Bank etwas Neues. Und jetzt wollen plötzlich viel mehr beim Bestehenden bleiben.
André: (lacht) Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Die Banken schauen heute etwas nüchterner auf die Sache. Ein Kernbankensystem zu wechseln, ist ein riesiges Vorhaben. Das kostet Geld, bindet Ressourcen und bringt Risiken mit sich. Wenn der bestehende Anbieter seine Lösung sinnvoll weiterentwickelt, ist es absolut legitim, diesen Weg weiterzugehen.
Urs: Also lieber beim Bekannten bleiben, als sich auf ein Abenteuer einzulassen?
André: Nein, das wäre mir zu kurz gegriffen. Entscheidend ist nicht, ob eine Bank bleibt oder wechselt. Entscheidend ist, ob ihr Kernbankensystem zur Strategie passt. Die etablierten Anbieter haben in den letzten Jahren einiges getan, um ihre Lösungen weiterzuentwickeln und ihre Pläne klarer zu kommunizieren. Das schafft Vertrauen. Gleichzeitig muss eine Bank prüfen, ob diese Entwicklung tatsächlich das abdeckt, was sie selbst braucht.
Urs: Gerade bei Finnova hat sich mit Neo ja einiges getan. Trotzdem hört man immer wieder, dass neue Core-Lösungen noch nicht alles können, was die etablierten Systeme über Jahre aufgebaut haben.
André: Das ist ein wichtiger Punkt. Bei einem neuen System geht es nicht nur darum, was auf der Roadmap steht. Es geht darum, was heute im produktiven Bankbetrieb tatsächlich funktioniert. Feature-Parität ist nicht einfach gegeben. Dazu kommen die spezifischen Anforderungen des Schweizer Markts. Eine Alternative muss sich in der Praxis bewähren, nicht nur auf einer Präsentationsfolie. Das erklärt, weshalb ein Wechsel für viele Institute derzeit nicht unbedingt naheliegt.
Urs: Dann ist die Sache doch eigentlich klar: Man bleibt beim Anbieter und folgt seiner Roadmap.
André: Moment. Genau da wird es spannend. (lacht) Vertrauen ist gut, aber die Bank muss ihre eigene Richtung kennen. Wenn ich meine IT-Strategie einfach danach ausrichte, was mein Kernbankenanbieter als Nächstes entwickelt, gebe ich ein Stück Steuerung aus der Hand. Die Roadmap des Anbieters muss zu meiner passen, nicht umgekehrt.
Urs: Und wie schafft eine Bank diesen Spielraum, ohne gleich das ganze Kernbankensystem auf den Kopf zu stellen?
André: Indem sie nicht versucht, alles über den Kern zu lösen. Neue digitale Angebote, Datenanwendungen oder KI-Lösungen lassen sich gezielt ausserhalb des Kernsystems aufbauen. Voraussetzung sind saubere Schnittstellen, ein kontrollierter Datenzugriff und eine Architektur, die Veränderungen zulässt, ohne jedes Mal das Gesamtsystem anzufassen. So kann eine Bank den bestehenden Kern weiterentwickeln und gleichzeitig unabhängiger werden. Entscheidend sind dabei ganz praktische Fragen: Wie lange dauert es, eine neue Funktion umzusetzen? Was kostet sie über ihren gesamten Lebenszyklus? Welche Betriebs- und Integrationsrisiken entstehen? Und wie einfach können wir einzelne Komponenten oder Anbieter später austauschen? Diese Kriterien sollten Banken regelmässig überprüfen. So erkennen sie, wo der bestehende Kern weiterhin passt und wo sie mehr Spielraum brauchen.
Urs: KI dürfte diese Möglichkeiten nochmals verändern. Mit KI wird es attraktiver, bestimmte Funktionen selbst zu entwickeln. Gleichzeitig stellt sich die Frage, welche Anwendungen man besser einkauft und wie man alles sinnvoll kombiniert.
André: Absolut, das hast du ja in deinem soeben erschienenen Blog sauber hergeleitet. Aber ein Kernbankensystem ist mehr als Code: Prozesse, Daten, regulatorische Anforderungen und ein hochkritischer Betrieb gehören genauso dazu. KI kann die Entwicklung beschleunigen, macht einen kompletten Neubau aber nicht über Nacht realistisch. Entscheidend ist, wo sich Eigenentwicklung lohnt und wo eine Standardlösung die bessere Wahl ist. Banken brauchen eine Architektur, die beides ermöglicht und ihnen auch künftig Spielraum lässt.
Urs: Wenn wir auf die IFZ-Studie zurückkommen: Ist es für eine Bank heute vernünftiger, beim bestehenden Anbieter zu bleiben?
André: Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Vielleicht ist es sinnvoll, beim Anbieter zu bleiben und gezielt zu modernisieren. Vielleicht braucht es langfristig einen Wechsel. Wichtig ist, dass die Bank ihre Optionen kennt und ihre Entscheidungen selbst steuert. Sie muss nicht heute schon wissen, wie ihre IT in zehn Jahren genau aussieht. Aber sie sollte vermeiden, sich mit den heutigen Entscheidungen unnötig einzuschränken.
Urs: Und das gilt unabhängig davon, ob eine Bank mit Avaloq, Finnova oder Temenos arbeitet?
André: Absolut. Es geht nicht darum, einen bestimmten Anbieter zu bevorzugen oder grundsätzlich infrage zu stellen. Entscheidend ist, ob die Lösung zur Strategie der Bank passt und ob sie sich weiterentwickeln kann, ohne bei jeder Veränderung vom Kern abhängig zu sein.
Urs: Und wo kommt Inventx ins Spiel?
André: Wir unterstützen Banken dabei, ihre Gesamt-IT so weiterzuentwickeln, dass sie stabil bleibt und gleichzeitig beweglich wird. Dazu gehört, bestehende Systeme sinnvoll weiterzubetreiben, neue Fähigkeiten zu integrieren und Abhängigkeiten transparent zu machen. Ein Systemwechsel ist nicht automatisch die beste Lösung. Genauso wenig sollte die Treue zum bestehenden Anbieter verhindern, dass eine Bank neue Wege geht.
Urs: Dann ist die entscheidende Frage also nicht, ob eine Bank bleibt oder wechselt. Sondern ob sie auch morgen noch selbst entscheiden kann, was sie verändern will.
André: Genau. Stabil bleiben, ohne stehen zu bleiben.
Quelle: IFZ-Befragung der Hochschule Luzern
„Der Kern muss nicht weg. Aber er darf auch nicht alles bestimmen.“
Die aktuelle IFZ-Befragung der Hochschule Luzern zeigt eine deutliche Verschiebung: 2022 erwarteten erst 32 Prozent der befragten Institute, in zehn Jahren noch mit ihrem heutigen Kernbankensystem zu arbeiten. Heute sind es 65 Prozent. Grund genug für Urs Rhyner, Leiter Business Development & Sales bei Inventx, sich gleich unseren neuen Leiter Banking, André Näpflin, zu schnappen. Im Gespräch klären die beiden, was hinter dem Stimmungswechsel steckt, wo die Grenzen der Treue zum bestehenden Kernbankenanbieter liegen und wie Banken ihre IT zukunftsfähig halten, ohne gleich alles auf den Kopf zu stellen.
Autor